Verfügbarkeit von allem?

Ein Artikel von Bea Borelle- Master Teacher der Ecole de Légèreté


Verfügbarkeit von allem?

Sollte einem wirklich immer alles zur Verfügung stehen?

Ist das nicht angesichts der derzeitigen allgemeinen Lage ein wenig vermessen, so zu denken? Sollte frau nicht lieber darüber nachdenken, an welchen Stellen man/frau sich einschränken soll und muss?

Ja, wahrscheinlich als Zeitgenosse und Erdenbewohner dieser Epoche wäre das keine schlechte Idee und werden wir über kurz oder lang sogar gezwungen.



Ein klein wenig Hoffnung gibt es doch

in der Reiterei der Ecole de Légèreté!


Denn das Schlagwort „Verfügbarkeit von allem“ ist für mich eines der Kerninhalte in dem Reitsystem der Ecole de Légèreté.

Irgendwie ist das bei manchen gar nicht so hängen geblieben und andere bemerken diesen Grundsatz schon gar nicht mehr, weil es für sie zur alltäglichen Selbstverständlichkeit geworden ist. Wie schön!

Außerdem ist es eigentlich nichts spezifisch EDL mäßiges, aber mir scheint, dass es doch im gesamten etwas in Vergessenheit oder in den Hintergrund fällt.


Für mich ist es ein toller Grundsatz, der mich durchs Training führt und auf den ich Sie gerne nochmals aufmerksam machen möchte.

Es gibt darüber hinaus Schlagwörter im Reitsystem der Ecole de Légèreté, die bei jedem, der es kennt und praktiziert, von Bedeutung sind: Légèretè, Balance, Abkau- und Biegeübung und eben für mich.



Disponibilität bzw. die Verfügbarkeit von allem


Letzteres hört sich nach ganz schön viel Reichtum an und genauso erlebe ich dieses Reitsystem auch. Reich an Grundsätzen, Begründungen, individuellen Lösungsvorschlägen für Pferd und Reiterin.

Mit dieser Disponibilität ist vor allen Dingen gemeint, dass der Reiterin jederzeit das Gegenteil zur Verfügung stehen sollte, zumindest ist es ein Wegweiser in der Ausbildung, denn am Anfang der Ausbildung steht einem längst noch nicht alles zur Verfügung.



Diese Idee gilt es in der Ausbildung des Pferdes aufzubauen und kann als Leitfaden dienen.

Gerade, wenn frau eigenständig, autodidaktisch arbeitet, braucht frau gute Leitfäden.


Gehen wir mal in die Praxis,

Fünf konkrete Fallbeispiele:


Fall 1

Langsamkeit

Gegenteil

Vorwärts


Fall 2

hohes Genick

Dehnung


Fall 3

Öffnung des Genicks

Beizäumung


Fall 4

Seitengang

Geradeaus


Fall 5

Versammlung

verlängerte Tritte

Fall 1:


Wir arbeiten ein eiliges Pferd in die Ruhe, ein träges Pferd zur Impulsion und schließlich beide ein zu einem geschmeidigen vor und zurück verschiebbaren Pferd.


Mir fällt immer wieder in meinen Kursen also in der Praxis auf, dass notwendigerweise ergiebig an einer sehr notwendigen Thematik gearbeitet wird und das Gegenteil völlig aus dem Blickfeld gerät.

Es ist ein Pferd z.B. viel zu eilig, möglicherweise sogar Durchgänger gewesen oder zumindest unentspannt. Daher wird es zu Beginn der Arbeitseinheit völlig zu Recht in seinem Verhalten korrigiert, es wird also beruhigt und verlangsamt. Super. Wunderbar. Und es wird so intensiv korrigiert, dass es gar nicht mehr voran geht.

Und irgendwie ist es nicht nur in einer Arbeitseinheit so, sondern erlauben Sie mir zu übertreiben, die nächsten Wochen, manchmal Jahren auch! Was ist also mit dem Gegenteil?


„Sie sagten, Ihr Pferd kann durchgehen. Wann war das denn das letzte Mal?“

Reiterin: „Hmmm, da muss ich mal nachdenken (schon ein Lacher an sich!)

Hmmm, ich glaube das war im Frühling vor drei Jahren.“

„und seither nicht mehr?“

„Nööö…“

„Ja, das ist doch prima! (nein, da ist keine versteckte Ironie, sondern Ehrlichkeit!)

Aber warum schleicht es denn immer noch durch die Gegend?“

(Das ist wiederum meine literarische Entsprechung zu manch einen gelungenen Cartoon)

So, lassen Sie es uns ändern!

Es würde sich ändern, wenn frau den Grundsatz der Disponibilität nicht außer Acht lässt.

Und sei das Pferd auch ein Durchgänger (gewesen), in dem Moment zu dem Ihnen das Gegenteil wieder zur Verfügung steht, können Sie sich wieder erlauben zuzulegen. Genau in dem Moment und nicht Wochen später! Bleiben wir effektiv! Noch so ein Schlagwort der Ecole de Légèreté!


Und wenn das erst wenige Tage nach dem explosiven Erlebnis war. So rate ich, um sich der Verfügbarkeit von beidem zu vergewissern, mal munter ganz, ganz, ganz viele Übergänge zu arbeiten, denn die sichern genau das ab. Sie werden das Tempo rausnehmen und wieder zulegen. Das kann schließlich sogar - im Schritt für Schritt Programm begonnen (versteht sich) - extrem durchführt werden, womit frau zu Lektionen wie Piaffe, Trabverstärkung oder Passage kommt. Aus dem Durchgänger ist nicht nur ein gehorsames, vertrauensvolles Pferd geworden, sondern als Krönung erhalten Sie Lektionen, von denen Sie immer geträumt haben.

Grandios!


Fall 2:


Ein Pferd, das den Kontakt zur Hand verweigert, benötigt Anlehnung also zunächst in Form von Aktion/Reaktion. Ein Pferd, das davon zu viel anbietet (gegen die Hand oder auf der Hand) muss im Genick erhoben, leichter eingestellt werden, zur Beweglichkeit im Unterkiefer animiert und beigezäumt werden.


Was auch zu diesen Gedanken passt, ist der Grundsatz:

„Korrigieren Sie immer einen Fehler durch das Gegenteil“


Aber ist Ihr Ziel erreicht, müssen Sie sich auch wiederum vergewissern, ob Ihnen das Gegenteil zur Verfügung steht. Wahrscheinlich wird es bezüglich des ehemaligen Sternguckers, der nun durch A/R in die Verbindung gebracht wurde, nicht so schwer sein, ihn wieder hochzustellen. Aber Sie dürfen nicht vergessen, sich dessen zu vergewissern.

Und sei es nur schon in den Momenten, in denen sich das Pferd ungefragt im Genick erhebt, dass Sie es registrieren.

„Prima, hoch kommt es weiter hin. Kann ich es jetzt auch wieder in die Dehnung schicken und verbleibt es an der Hand und somit im Kontakt?

Oh, ja prima …. Klappt …. Ziel erreicht!“

„Darf ich es mit einem feinen Demi-Arrêt fragen, sich wieder im Genick zu erheben?

Ja, klappt und jetzt … steht mir per A/R auch wieder die Dehnung sprich Anlehnung zur Verfügung?“

Wenn ja, wunderbar! Sich auf die Schultern klopfen die Arbeit ist für heute beendet … lächeln Sie mal! …Es steht Ihnen beides zur Verfügung und Sie haben es nicht außer Acht gelassen. So geht Reiten!


Fall 3:


Ein Pferd rollt sich ständig ein und will sich so der Verbindung zur Hand entziehen.

Pferd: „Ist ja zu blöd mit diesem Metall im Maul rumzulaufen! Kann mir mal einer erklären, was das soll?“

Reiterin: „Ja, doch geht schon los!“

Also stellen Sie mit feinen Demi-Arrêts die Verbindung zur Hand her, heben das Genick an und lassen durch A/R dann schließlich den Ablauf in Dehnung übergehen und weil Sie schön fleißig weiterarbeiten, wird dieses Pferd nun schließlich auch im Genick gebeugt, also etwas, was es gut kann. Achtung!!! Es kommt schon wieder dahinter! Es folgt der Demi-Arrêt das Öffnen des Genicks, das Dehnen, das in den Kontakt bringen und wieder vorsichtig die Beizäumung und Sie müssen sich immer wieder vergewissern, ob Ihnen das Gegenteil zur Verfügung steht.

Ist das Pferd immer noch bereit sich zu dehnen und die Nase wirklich vor die Senkrechte zu schieben, um zu zeigen, dass es sich nicht scheut das Metallstück sogar etwas nach vorne zu ziehen?

Können Sie nach längeren Momenten der Beizäumung tatsächlich das Genick des Pferdes wieder öffnen?

Oder verfällt das Pferd wieder in seine ursprüngliche Reaktion, dass es mit Kontakt immer enger wird? Korrigieren Sie den Fehler durch das Gegenteil.


Fall 4:

Schiebt das Pferd auf der hohlen Seite die Kruppe in die Bahn, wird das durch Schulterherein korrigiert, fällt die Kruppe aus wird durch Travers korrigiert. Das ist eines der vielen Gründe die Seitengänge zu erarbeiten. Weil es viele Gründe gibt und die Lektionen für Pferd und Reiterin anspruchsvoll sind, können auch viele (sehr viele) Wiederholungen notwendig sein und es wird fleißig, hochmotiviert geübt. Zugegeben dadurch könnte sich die natürliche Schiefe und das Gerade richten im Ziel verbessern. Also immer mal schön alle 4 Seitengänge durchackern! … denn schließlich ist frau lernende Reiterin, in den Lektionen noch nicht so versiert und erreicht das eben nur durch Übung.


Aber… huch!!! „Jetz jet dä nur noch schräsch!“ würde meine Frau Schmittenhuber sagen.


Und schließlich ohne, dass frau es bemerkt wackelt das Pferd nur noch hin und her und lässt sich nicht mehr auf gerader Linie geschweige denn auf freier, gerader Linie geradeaus führen.

Ihr Erfolg Seitengänge ergattert zu haben, ist aus vielen Gründen löblich, aber denken Sie dran:

Ihnen soll jederzeit das Gegenteil zu Verfügung stehen.


Also werden Sie sich demnächst nach jeder Sequenz im Seitengang vergewissern, ob ihr Pferd auf freier Linie auch wieder gerade geht.

Na???? Klappt??? Wunderbar!

Wenn nicht weiter im Wechselspiel arbeiten mit jeweils längeren Momenten in der Korrektur.

Schließlich wird alles leicht abrufbar: ein Schulterherein, ein Travers und ein geradeaus gehen mit einem Pferd, dass sich lateral wie vertikal in Balance befindet und geradegerichtet verbleibt.


Fall 5:

Ellen Graepel hatte Feuer unter dem Hintern!

Eine Reiterin, die ich seiner Zeit bei Richard Hinrichs kennenlernte und bewunderte.

Von ihr stammt die Aussage:

„Die sterben ja vor Schönheit auf der Stelle!“ wenn sie sogenannte Barockreiter karikieren wollte.

Gemeint waren Pferde, die ausschließlich in Versammlung geritten wurden bzw. schon gar keine guten Grundgangarten mehr hatten, sondern gerne auch unter Tempo geritten wurden.

Huch! Was war passiert? Vor lauter Begeisterung zu dieser Lektion (Versammlung) , wurde das Gegenteil vergessen.

Und das Gegenstück dazu sind Reiterinnen, die wie irre über Diagonalen knattern und kein Pferd versammeln können.

Dann gibt es Reiterinnen, die beeindruckt von Baucherscher Légèreté akribisch an der Leichtigkeit zur Hand arbeiten, was sie auch erfolgreich verwirklichen, aber die Pferde dehnen sich nicht mehr zur Hand, geschweige denn, dass sie vorwärts gehen würden.

Ach, sind es immer nur die andern? Nein! Auch ich muss diese tolle Idee immer wieder im Auge haben und meine Arbeit dahingehend überprüfen. Dieser Leitfaden soll eine jede durch die Arbeit begleiten und keine*r ist davor gefeit, sich mal zu lange im extrem zu verbleiben.


Früher habe ich mir wichtige Grundideen auf Zettelchen aufgeschrieben und an die Bande geheftet, ab und zu mal drauf geschaut und siehe da …. schon wieder was vergessen. Mensch, reiten ist aber auch so anspruchsvoll und komplex!

Ja, klar deshalb machen wir es ja so gerne!


Und? Fällt Ihnen etwas auf?

Durch das Arbeiten von Pol zu Pol erhalten wir immer leichter die goldene Mitte.