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Bea Borelle: Was bedeutet ein Pferd zu „lösen“?

Der Mensch würde am Morgen erst einmal seine steifen Glieder in Bewegung bringen und die verbleibenden 9% der Deutschen tun das mit irgendeiner sportlichen Betätigung. (Kam kürzlich in den 20 Uhr Nachrichten, dass nur noch 9% aller Deutschen von sich sagen, gesund zu leben. http://www.tagesschau.de/inland/dkv-studie-101.html). Hund und Katze tun das, in dem sie sich strecken. Interessant dabei ist nur schon allein, dass wenn die Glieder erst einmal verkürzt und steif sind, dieser natürliche morgendliche Reflex fehlt.


In einer notwendigen Aufwärmphase beim Pferd wird der Motor angeworfen und zwar vernünftiger Weise sukzessiv in zwei Teilen, so dass es im zweiten Teil der Aufwärmphase zu einem körperlichen Erwärmen kommt, aber eben auch dehnen der verkürzten Muskeln.


Möglicherweise beurteilen Pferdehalter es für unnötig, wenn das Pferd von der Weide, dem Aktivstall oder Offenstall kommt. Sicherlich ist es dort nicht so steif geworden, wie ein Pferd in vergangener Ständerhaltung. Aber dennoch befreit diese Ansicht nicht von einer grundsoliden Aufwärmphase.


Wie gestaltet die EDL die Aufwärmphase eines Pferdes? Idealerweise läuft sie in der EDL in drei Etappen ab.


  • Gemeinsames zu Fuß gehen mit dem Pferd im starken Schritt je nach Jahreszeit und Witterung mindestens 10 aber höchstens 20 Minuten. Warum starker Schritt? Wenn der ruhige Schritt nach dem Training zum Abkühlen beiträgt, dann kann er nicht zugleich so ausgeführt auch zum Aufwärmen beitragen. Der ruhige Schritt nach dem Training kühlt ab, der starke Schritt vor dem Training beginnt das Pferd sukzessiv aufzuwärmen.

  • Danach wird das Pferd am Kappzaum nochmals mindestens 10 Minuten im Trab und Galopp vollständig erwärmt. Bei Notwendigkeit wird das Pferd länger longiert, falls es an Entspannung, Gehorsam, Tragefähigkeit und guter Abstimmung mit dem Pferd mangelt. Selbstverständlich werden an der Longe keine Hilfszügel eingesetzt. In dieser Zeit wärmt sich nicht nur das Pferd, sondern auch der Reiter auf, der sich mit dem Pferd über die Arbeitsfläche bewegt. Erst beginnt man auf geraden Linien, dann auf dem Zirkel, dann in Volten und schließlich auf z.B. der Figur Acht sprich kontinuierlichen Handwechseln. Wer es technisch beherrscht, arbeitet nun auch das laterale (Schulter verschieben) und vertikale Aufrichten (Kopf anheben oder senken lassen), Rückwärtsrichten und das Konterschulterherein. In dem Fall würde die Aufwärmphase und somit diese gewichtsfreie Arbeit zeitlich verlängert. Vor allen Dingen sind Volten und Schulterherein (das Erlernen benötigt einige Wochen), schließlich mit einer kräftigen Aktivität Übungen, die zur Tragefähigkeit beitragen und daher sinnvoll, noch bevor das Pferd dann zusätzlich das Gewicht des Reiters „zu verkraften hat“. Vorsicht! Ob ein Pferd einen Reiter tragen kann, hängt nicht wesentlich von seiner Knochensubstanz ab oder dem Röhrbeinumfang, sondern von dem Gebrauch seiner Muskeln, die den Brustkorb, den schweren Rumpf und den Reiter anheben sollten. Es ist daher Vorsicht und Sorgfalt bei

- jungen Pferden

- Pferden, mit langem oder sehr elastischem Rücken

- Hirschhalspferden

- Pferden mit hoher Aufrichtung (Friese), die das Brustbein vorschieben

- Pferde die vom LSG in Richtung Widerrist abwärts fallen oder überbaut sind

  • Das gewichtsfrei aufgewärmte Pferd kann sofort nach Aufsitzen durch gezielte Übungen sofort aufgefordert werden seine Muskeln in der Weise einsetzen, dass es den Reiter entsprechend gut tragen kann. Dazu werden Abläufe gewählt zur Verbesserung der lateralen wie vertikalen Balance und die entsprechende Aktivität gefordert. Je nach Ausbildungsstand moderat oder forciert.

In der EDL gibt es nie Standardlösungen. Was zu tun ist hängt von Temperament, Gebäude und Wesen des Pferdes ab und ebenso den Umsetzungsmöglichkeiten seiner Reiterin/seines Reiters.


Ist ein Pferd verspannt und/oder erregt, dann wird es unter dem Sattel in Volten oder der Figur Acht in Dehnungshaltung beruhigt, um ein taktreines, ruhiges Tempo zu erreichen und das Pferd mittels vorwärts abwärts aus der Haltung über dem Gebiss in den Kontakt zu bringen. Dazu kann die Arbeit im Schulterherein auf geraden und/oder gebogenen Linien auch wesentlich beitragen.


Sobald das Pferd taktrein und entspannt geht und das kann in derselben Arbeitseinheit sein, wird es in dem Tempo bewegt, in dem es sich aktiv und mit guter Schritt oder Trittlänge bewegt oder eben in großen Sprüngen. Faule Pferde werden sowohl an der Longe wie auch unter dem Sattel sofort vorwärts gearbeitet und zwar so, dass es nicht mehr zögert, sich sofort und energisch zu bewegen.


Danach kann das Tempo angemessen der Gangart gewählt werden. Mit anderen Worten der Hektiker wird beruhigt, der Faulenzer aufgeweckt, bis beide Pferdetypen, die für sie jeweilig optimale Aktivität haben. Der Franzose spricht von „s‘employer“ sich optimal bewegen.


Vorzugsweise zeigen sich Iberer am Anfang der Ausbildung nicht nur nervös und übereilt in den Tritten, sondern auch verkürzt. Dieser Pferdetyp sollte zunächst beruhigt werden (s-o.), aber dann angemessen vorwärts geschickt werden, möglicherweise mittels abfangen und zulegen, damit dadurch die Tritte verlängert werden. Das verlangt viel Einfühlung und Einschätzungsvermögen.


Impulsion ist der erste Aspekt in der EDL (Schule der Schenkelhilfe). Ohne Impulsion kann keine Lektion gut sein. Denn wenn ein Pferd diese nicht besitzt, wird es mit der Zügelaufnahme und sukzessiv gesteigerten Aufgaben immer langsamer bis das der Ofen gänzlich aus ist.


Lässt ein Pferd in der Aktivität nach wird sofort korrigiert!


Im Sinne von Bein ohne Hand, Hand ohne Bein das Tempo aufgefrischt und erst dann wieder die entsprechende Übung aufgegriffen. Dabei kann es auch durchaus kurzzeitig zu einem übereilten Tempo kommen, wenn das zunächst einmal notwendig ist, um den Gehorsam unmissverständlich zu klären. Dann aber sollte das Pferd in seiner passenden Aktivität, wie auch Trittlänge arbeiten.


Durchaus energisch vorwärts werden die Pferde auch meist im Trab geschickt, wenn es darum geht, eine Halsverlängerung und das in die Handstreben zu erreichen. Abgesehen davon kann das auch eine notwendige Gymnastik darstellen. Denn wenn ein Pferd richtig aus der Hinterhand schieben muss und in die Hand streben soll, dann gebraucht es seine Bauchmuskeln in starker Weise und hebt dadurch den Rücken an. Das ist für viele Pferde nicht einfach, aber sehr notwendig.


Wie auch an der Longe werden die Linien sukzessive kleiner und gymnastizierender. Man beginnt ganze Bahn, dann auf dem Zirkel, dann in Volten und schließlich mit aufeinander folgenden Handwechseln wie das z.B. in der Figur Acht der Fall ist.


Der Reiter beginnt also auf dem Hufschlag und in der EDL sicherlich mit der Abkau- und Biegeübung (AKÜ), die vor dem Aufsitzen schon an der Hand im Stand und evtl. im Schritt durchgeführt wurde. Man nimmt also sowohl Bezug zu den Themen Entspannung, Balance, Schubkraft, Aktivität wie auch Dehnung. Die Leichtigkeit zu Bein und Hand sind sofort zu beachten, sobald man aufgesessen ist. Die AKÜ wird in allen drei Gangarten praktiziert.


Danach kommt die anspruchsvollere Gymnastizierung in Seitengängen, die letztlich zu mehr Tragefähigkeit und schließlich Versammlung führen soll. Je nach Ausbildungsstand des Pferdes befindet man sich nun aber in der Arbeitsphase. Generell wird in der Aufwärmphase nur das gearbeitet, was das Pferd kann. Beim Jungpferd (in der Einreitphase und die Monate danach) findet also die Aufwärmphase an der Longe und an der Hand sehr ausgiebig statt, denn die Arbeit unter dem Sattel ist seine Arbeitsphase.


Kommen wir zu der Situation des Reiters. Reiter haben das Geld sich ein Pferd zu kaufen. Heutzutage besitzen die wenigsten ein fundiertes Reiterliches Wissen, geschweige denn eine Reitkultur. Auch tragisch ist, dass kaum mehr ein Reiter die Gunst hatte, auf guten Schulpferden fühlen zu lernen. Das eröffnet den Reitlehren ein Spielfeld alles Mögliche, ob falsch ob richtig unterrichten zu können. Sie stoßen auf jeden Fall auf Unwissen.


Gott sei Dank haben die aller meisten Pferdebesitzer begriffen, dass ein Pferd erst einmal eine gute Grunderziehung benötigt und derartige Erziehungstrainings sind weit verbreitet und populär!


PRIMA ohne Frage. ABER diese Systeme tragen häufig nur zu der Frage bei, wie man ein Pferd beruhigen und kontrollieren kann, klären aber selten, was DANACH als richtige Aktivität zu wählen ist. Ich persönlich finde, dass sogar schon in der Grunderziehung viel zu ausführlich gestanden und rumgelatscht wird. Nun fängt der unkundige Pferdebesitzer an Faulheit mit Harmonie und Einklang zu verwechseln und die Pferde bleiben tragischer Weise weit unter Ihren Möglichkeiten, aber auch der Notwendigkeit von Bewegung. (Sollte ich nun auch noch darauf aufmerksam machen, das die Unterbringung eines Pferdes im Offenstall bei weitem nicht dazu beiträgt seine physischen Grundbedürfnisse zu befriedigen, geschweige denn ein Pferd fit zu halten?)


Weil aber Impulsion das Salz in der Suppe ist, ist für jeden Ausbilder in der EDL oberstes Gebot eine entsprechend richtiger Aktivität zu entwickeln. In den Kursen kann das dann ein sehr einseitiges Bild entstehen lassen. Denn wenn überwiegend zu inaktive Pferde im Kurs sind mit deren Besitzern, die das entsprechend richtige Vorwärts ihres Pferdes nicht kennen oder wollen (viele Reiter suchen gar nicht erst diese körperliche Tätigkeit ein Pferd schwungvoll zu begleiten oder entwickeln Angst), dann ist der Ausbilder gehalten alle diese Pferde und Reiter zu verbessern und das vermittelt den Eindruck als wenn das der Schwerpunkt der EDL sei. Nein, es ist der notwendige Anfang.


Sollte ein Reiter sich nicht trauen sein Pferd vorwärts zu reiten, dann kann man das Pferd gefahrenfei an der Longe erziehen und den Reiter durch Abfangen und Zulegen sukzessive in das gewünschte Tempo führen, so dass er sich sicher fühlt.


Bea Borelle Dezember 2018





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